Die 1,70 Meter grosse Frohnatur könnte einer ihrer eigenen Romane entsprungen sein. Deshalb stört Rosamunde Pilcher das Etikett „The Queen of Kitch“ („Die Königin des Kitsch“) auch überhaupt nicht, was ihr von vielen Literaturkritikern gern angehängt wird. Sie selbst formuliert es etwas charmanter: Sie schreibe „leichte Literatur für intelligente Damen“. Die Verfilmungen fürs deutsche Fernsehen findet die Pilcher toll, auf die Arbeit am Set allerdings nimmt sie keinen Einfluβ. Sie spricht auch die Sprache nicht.
Die Tochter eines Marineoffiziers wurde am 22. September 1924 als Rosamunde Scott in Lelant (Betonung auf der zweiten Silbe), fünf Kilometer südlich von St Ives, geboren. Sie hat eine fünf Jahre ältere Schwester, Lalage (sprich Lalaschie).
Im Zweiten Weltkrieg tritt Rosamunde dem freiwilligen Dienst des Women Royal Naval Service bei und arbeitet als Sekretärin im Auβenministerium. Sie wird nach Indien abkommandiert, von wo sie eine Kurzgeschichte nach London schickt, die glatt in einer Frauenzeitschrift gedruckt wird. Mit ihrer ersten Veröffentlichung verdient sie15 Guineen. Nach ihrer Rückkehr aus Indien lernt sie auf einem Dorffest den jungen schottischen Offizier Graham Pilcher kennen, der sich bei Verwandten in Cornwall von einer Kriegsverletzung erholt.
Die beiden heiraten im Dezember 1946 in der Gemeindekirche von Lelant und ziehen gemeinsam nach Schottland, wo Graham das Familienunternehmen, eine Jute-Fabrik, leitet. Die Pilchers bekommen vier Kinder: Robin, selbst Schriftsteller und inzwischen ebenfalls vom ZDF verfilmt (Jenseits des Ozeans), Fiona, Philippa und Mark, der in Zennor in Cornwall lebt. Dort besucht ihn seine berühmte Mutter mindestens einmal im Jahr. Während Rosamunde Pilcher ihre vier Kinder groβzog (inzwischen hat sie auch 14 Enkelkinder), schrieb sie Hunderte von Kurzgeschichten und 13 Romane, meistens am Küchentisch.
Die ersten veröffentlichte sie noch unter dem Pseudonym Jane Fraser. Die erste Kurzgeschichte unter ihrem richtigen Namen war “Land der Sehnsucht”, veröffentlicht 1955, verfilmt 2005. Obwohl Rosamunde Pilcher seit ihrem 15. Lebensjahr schreibt, gelang ihr der internationale Durchbruch erst im Alter von 63 Jahren mit „Die Muschelsucher“. Der autobiographisch angehauchte Roman verkaufte sich 5 ½ Millionen mal und verdrängte1990 keinen Geringeren als Tom Wolfe von Platz eins der New York Times Bestsellerliste. Im angelsächsischen Raum waren “Die Muschelsucher” das bestverkaufte Paperback des Jahrzehnts und Rosamunde Pilcher erhielt 1992 die Goldene Feder als Autorin des Jahres. Insgesamt 60 Millionen Bücher hat die 45fache Millionärin bislang unters Volk gebracht, und durchschnittlich 6 Millionen Zuschauer sitzen vor den Bildschirmen, wenn im Zweiten Deutschen Fernsehen ihre Romanzen laufen. Von Anfang an kam die Filmreihe gut an. So gut, dass Mrs. Pilcher 1998 die „Goldene Kamera“ für die erfolgreichste Serie von Romanverfilmungen verliehen wurde. 2002 erhielt sie auch noch einen OBE (Officer of the British Empire) und den British Tourism Award.
Inzwischen ist die Schriftstellerin mit Ehemann und Hunden aus dem schlossartigen Landsitz in einen bescheideneren Bungalow umgezogen und genieβt ihren wohlverdienten Ruhestand. Wer weiss, denn den hat sie schon mehrfach verkündet und wieder aufgeschoben. Zuerst Ende der 1990er Jahre, doch dann erschien im Jahr 2000 Wintersonne angeblich als ihr letzter Roman. 2004 hat sie noch eine Kurzgeschichte nachgeschoben: “Tea with Professor Gilber”. Ihr Erfolgsgeheimnis, so gab sie verschiedenen Interviewpartnern zu verstehen, sei es “Glück zu haben”. Sie schreibe zwar keine grosse Literatur, glaube aber trotzdem, dass sie einen guten Stil habe.
Das findet ihre deutsche Nichte auch. Prinzessin Marissa zu Bentheim-Tecklenburg, die in Schloβ Rheda in Ostwestfalen zu Hause ist, ludt die berühmte, angeheiratete Tante im Mai 2004 zu sich ein. Rosamunde Pilcher kam und nahm im Park des Schloβes der Taufe einer neuen Rosenzüchtung bei. Sie wird - richtig - Rosamunde Pilcher heissen.